Der Boden des Zimmers besteht aus alten Eichendielen, die im Laufe der Zeit weiter nachgedunkelt sind und nun grau wirken. Die Möbel sind alle aus weißem Eichenholz und auch die Holzwände sind geweißt. Einen farblichen Kontrast dazu bietet der rotgemusterte Perserteppich, der beinahe den gesamten Boden bedeckt. Vor dem Fenster in der Südwand, am Kopfende des Bettes, gibt es eine Gardine und schwere dunkelrote Vorhänge, die zumeist zugezogen sind. An der Ostwand des Zimmers steht ein großer Kleiderschrank mit Schiebetüren. Daneben steht ein kleiner Frisiertisch mit Spiegel, auf dem auch eine Waschschüssel steht. Der Frisiertisch hat eine Schublade, in der sich Toilettenartikel befinden. Davor steht ein aufwendig gedrechselter Stuhl aus weißem Holz, mit einem dunkelroten Sitzpolster. Dominiert wird das Zimmer von dem großen Himmelbett, das ebenfalls aufwendig verziert ist. Der Himmel und die Vorhänge bestehen aus halbdurchsichtiger weißer Gaze und sind mit weißen Bändern zusammengerafft. In der Nordwand gibt es eine Tür, die in das Schlafzimmer ihres Ehegatten führt, die Tür im Westen führt in das Badezimmer.
Langsam wich die Dunkelheit und mit jedem Blinzeln wurde das Grau des Wintermorgens bleicher. Justine schien es, als würde die Ruhe der Nacht vergehen und der hereinbrechende Tag drängte gewaltvoll näher und nahm ihr jede Hoffnung doch noch in tiefen Schlummer zu fallen. Die junge Frau hatte so lange gelesen, bis die Kerzen heruntergebrannt waren, dann war sie in diesen starren Zustand gefallen, der dem Schlaf näher schien als dem Bewusstsein. Sie fühlte sich gerädert und die Kälte schien immer beißender. Stunden waren vergangen, seit die letzte Glut im Kamin erloschen war. Mehr als einmal war sie versucht gewesen nach Ava zu klingeln, doch sie hatte neben dem Mädchen kein weiteres Personal mehr, da wollte sie das arme Ding nicht stören. Für gewöhnlich hatte Justine wenig Hemmungen die Hilfe ihres Personals in Anspruch zu nehmen, aber eine einzige Angestellte, die sich um sie und den gesamten Haushalt kümmern sollte schien ohnehin eine beinahe unmögliche Herausforderung. Zudem ist ja Sonntag! Ich wünschte das Leben hätte mich vor dem Grau dieses Morgens verlassen.
Es war erst elf Tage her da hatte sie ein Brief ihrer Mutter erreicht. Justine hatte die letzten Monate kaum das Bett verlassen und da Edgar sie nicht besuchte gab es auch wenig Grund irgendeinen Anschein zu wahren. Von Zeit zu Zeit hatte sie ihre Pflicht als Ehefrau erfüllt und ihrem Mann einen Brief geschrieben doch da sie nichts tat und keinen gesellschaftlichen Verpflichtungen nachkam gab es nur wenig zu berichten. Es schien, als habe auch ihr Mann wenig Interesse an diesen Dingen denn er selbst schrieb nur ein Mal zurück und überwies ansonsten nur das Geld auf das Bankkonto, welches er ihr eingerichtet hatte. Der Brief beschrieb den Ärger, den er mit dem neuen Sägewerk hatte, doch zwischen den Zeilen wurde deutlich, dass es den Cravens gelungen war ihr Imperium immer weiter auszubauen. Das Holzfällerkamp war erweitert worden und das Sägewerk war inzwischen fertig gestellt. Umso überraschender war es gewesen, dass ihre Mutter Justine tadelte und sie ermahnte ihren Verpflichtungen nachzukommen und ihrem Gatten jede Woche postalisch davon zu berichten. Im ersten Moment war der Schreck so groß gewesen, dass Justine sogleich ausgegangen und selbst Besorgungen gemacht hatte. Doch sie war einfach zu krank und die winterliche Kälte tat das übrige der Geschwächten die Kräfte zu rauben. Am folgenden Sonntag hatte sie sich noch in die Kirche geschleppt, doch das war nur noch eine Qual gewesen. Sie schrieb Edgar direkt nach der Messe einen Brief, damit es etwas zu berichten gab, doch der Preis den sie zahlen musste war schrecklich gewesen. Den Rest der Woche hatte sie das Bett hüten müssen und in der Nacht zum Montag sogar einen Anfall erlitten. Tagelang hatte Husten sie geplagt und so hatte sie sich gefügt und ihren sinnlosen Versuch sich irgendwie nützlich zu machen aufgegeben. Doch die mahnenden Worte ihrer Mutter hatten ihr gezeigt, dass ihr Mann sich bereits bei seiner eigenen Familie beklagte und das Gerede über sie bereits solche Kreise zog, dass es an die Ohren ihrer eigenen Eltern gedrungen war. So hatte sie sich gesagt sie werde sich bis zum Sonntag schonen und dann ihre Kraft für den Kirchgang zusammen nehmen. Unglücklicherweise waren die Stunden allzu schnell verstrichen. Gestern hatte sie ein heißes Bad genommen und so sehr sie auch in sich hineinhorchte schien es doch, als habe sich ihre Erkältung nicht zu einer letalen Lungenentzündung ausgewachsen. Zudem ist die Medizin fast leer, am besten ich schicke einen Boten nach St. Johns.
Der Gedanke an das Leid was ihr ansonsten bevorstand motivierte Justine so weit, dass sie die Klingel von ihrem Nachttisch ergriff und anhaltend zu läuten begann.
Nachdem das Mädchen ihr von ihrer Medizin gebracht hatte blieb Justine noch einen Moment im Bett liegen und wartete auf das Frühstück. Sie hatte wenig Appetit, aber sie musste essen, wenn sie die Kraft aufbringen wollte das Haus zu verlassen. Sie nahm ihre Mahlzeiten stets alleine ein, denn mit wem hätte sie auch speisen sollen? Mit Ava zu Tisch zu sitzen kam ihr gar nicht in den Sinn und als die Angestellte ihr das Tablett brachte winkte sie die Frau mit einer Handbewegung weg, ohne diese eines weiteren Blickes zu würdigen. Sie pflegte am Morgen heiße Milch mit Honig zu trinken und aß dazu ein Stück Schinken mit geschmolzener Butter. Das faserige Fleisch war ihr zuwider, doch Justine hatte sich daran gewöhnt, hatte man ihr dies Frühstück doch zur Stärkung empfohlen. Quälend langsam beendete sie ihr Mahl und rief Ava dann erneut herein. Sie ließ sich von dem Dienstmädchen beim Waschen und Ankleiden helfen. Heute am Sonntag wollte diese gewiss ihren Vater und den Rest ihrer Familie besuchen und Justine wusste, dass ihre Angestellte dort ihren Lohn abgeben musste. Ava selbst schien das vollkommen normal und wer sollte da etwas anderes behaupten? Als Frau war man stets von einem Mann abhängig, ob es nun der Vater oder Ehemann war spielte kaum eine Rolle. Auch sie selbst war von Edgar abhängig und sie konnte nur hoffen, dass er ihr weiterhin pünktlich das Geld auf ihr Konto anwies. Sie hatte ohnehin erschreckende Einbußen erlitten und nun mit nur einem Dienstmädchen und den angezählten Mitteln lebte sie ganz anders, als sie es von ihrer Familie kannte. Das ist eine Bürde. Ich tue was in meiner Kraft ist, wenn Mutter mich so sehen könnte sie wäre untröstlich, gewiss zeigt sie es nur nicht. Doch Justine fühle sich nicht in der Lage allein aus dem Haus zu gehen und so beschloß sie kurzerhand, Ava zu bemühen. "Wollte sich nicht heute der neue Reverend der Gemeinde vorstellen?" Die Stimme kaum mehr als ein Flüstern blickte die Hausherrin ihr Dienstmädchen an und ließ ihren Blick über das einfache Kleid ihrer Angestellten wandern. "Es ist besser Du begleitest mich. Vielleicht kannst Du mich auch dem neuen Arzt vorstellen, ansonsten werden wir wohl einen Boten bemühen müssen...." Sie zögerte einen Momenten, dann sprach Justine mit bemüht beiläufiger Stimme weiter ... "die Medizin ist beinahe leer." Umständlich nestelte die zierliche Gestalt am Ausschnitt ihres Kleides herum, während sie zur Türe ging und wartete, dass Ava ihr diese öffnete.
Ava hatte sehr wohl bereits das erste Klingeln von Lady Justine vernommen, doch da sie gerade dabei gewesen war die Milch zu erhitzen konnte sie dem Ruf ihrer Dienstherrin nicht augenblicklich folgen, denn sonst wäre die gute Milch sicherlich übergekocht. So musste sie wohl oder übel in der Küche verharren und aufpassen, bis die Milch die rechte Temperatur hatte, auch wenn sie riskierte, dass die Lady ungehalten werden würde. Ava war klar, dass sie ihrer Medizin bedurfte und so war sie erleichtert als die Milch endlich die gewünschte Wärme hatte und sie sie vom Ofen nehmen konnte. Flugs eilte die junge Dienstmagd sich ins obere Stockwerk zu laufen, wo Justine Craven sie bereits dringlich erwartete. Seit deren Beschützer und treuer Gefährte Jericho House nicht mehr hier war, war das Haus geradezu gespenstisch leer. "Bitte verzeiht M'am, die Milch stand noch auf dem Feuer.", entschuldigte Ava sich und huschte flink zu dem kleinen Schränkchen, in welchem die Medizin aufbewahrt wurde. Dann verabreichte sie ihrer Dienstherrin die veranschlagte Portion, verschraubte das Fläschchen wieder und stellte es zurück an seinen Platz. Die Lady sah heute wie immer aus - weder erheblich besser, noch erheblich schlechter als sonst. Sie wirkte so schwächlich und fragil, dass Ava sich einstweilen wunderte, dass dieser zarte Hauch von einem Geschöpf sich überhaupt hinaus auf die Straße getraute. "Ich hole Euch Euer Frühstück, M'am.", sagte sie und hastete nach unten um das Tablett fertig zu machen.
Wenig später kam sie wieder und stellte Mrs. Craven ihre Morgenmahlzeit hin, welche sie daraufhin umgehend mit einem Wink entließ. Ava knickste höflich und verließ das Zimmer, die Tür leise hinter sich zuschließend. Wieder begab sie sich zurück ins untere Stockwerk, wo sie selbst ein paar Bissen Brot mit etwas Käse und ein paar Schlucke Wasser zu sich nahm. Hier im Hause Craven war es üblich, dass sie allein speiste und Ava hatte sich schnell daran gewöhnt. Immerhin war es ihr überhaupt gestattet etwas zu sich zu nehmen - im Hause ihres Vaters war das für die junge Frau keine Selbstverständlichkeit gewesen. Nicht selten war sie hart bestraft worden wenn sie dem zuwiderhandelte, weil sie ihren Schwestern etwas von deren wertvoller Nahrung stahl. Mit Schaudern und Sehnsucht dachte Ava an ihr zu Hause und wurde gewahr, dass ihr heute wieder ein Treffen mit ihrem Vater bevorstand um ihr den wohlverdienten Lohn abzunehmen. Für Ava war das Normalität; was sollte sie auch mit Geld anfangen? Ob ihr alter Herr auch heute wieder unzufrieden mit der Summe ihrer Einkünfte sein würde? Bereits bei den letzten Übergaben hatte er sich dahingehend geäußert und verlautbaren lassen, dass es ja wohl nur an ihrer unzulänglichen Arbeit, ihrer Ungeschicklichkeit und Faulheit liegen könne, dass die Besoldung nicht höher ausfiel. Wie um alles in der Welt sollte sie ihm nur begreiflich machen, dass dem nicht so war? Ava schüttelte den Gedanken ab und begab sich ans Aufräumen der Küche.
Als sie fertig war, schellte die Lady erneut nach ihr. Die junge Dienstmagd eilte nach oben ins Schlafzimmer und half der grazilen Dame behutsam beim Waschen und bei der Garderobe. Es war Sonntag und Zeit für die Messe, so trug Mrs. Justine heute ihre feinsten Sonntagskleider. Ava gab sich größte Sorgfalt, als sie Lady Craven beim Ankleiden half. Schon wollte sie sich zur Tür wenden um diese der Hausherrin zu öffnen, als diese sie jedoch plötzlich ansprach und sie bat - oder vielmehr aufforderte - sie zur Kirche zu begleiten. Ava war wie vom Donner gerührt. Sie folgte dem Blick ihrer Dienstherrin und sah an sich hinunter. Konnte sie so wirklich zum Sonntagsgottesdienst in der Kirche erscheinen? Und überhaupt... seit sie wieder in Camden Village selbst weilte, war sie bisher nicht ein Mal mit bei der Messe gewesen, wie es sich eigentlich für eine gute Christin gehörte. Was würde man davon halten? Was würden die Leute von ihr denken? Und der Reverend...? Nun, immerhin - wenn es stimmte was Lady Justine sagte, dann würde sich heute ein neuer Reverend der Gemeinde vorstellen. So bestand immerhin die Chance, dass zumindest er seine Schäfchen noch nicht allzu gut kannte; wenn überhaupt. Dennoch war es der jungen Frau unbehaglich in ihrer zerschlissenen Montur dort aufzukreuzen. Aber sie hatte ja nun mal nichts anderes anzuziehen, und wenn die Mrs. darauf bestand... "Sehr wohl, Mrs.!", sagte sie gehorsam und knickste. "Wenn Ihr es wünscht!" Sollte sie etwas erwidern? Nein, wenn die Lady, die um ein Vielfaches kultivierter war als sie selbst, es für angemessen hielt dass Ava so zum Gottesdienst ging, dann würde sie ihre Scham herunter schlucken und dem Begehren ihrer Dienstherrin Folge leisten. Als Mrs. Craven damit begann, gedankenverloren an ihrem Ausschnitt herumzuspielen sah Ava dies als Aufforderung, ging zur Tür und öffnete diese, sodass Lady Justine hindurch schreiten und sich die Treppe hinunter ins untere Stockwerk begeben konnte. Die junge Frau würde ihr folgen und sehen, wie es weiter ging.
Ava und Justine erst im Schlafzimmer, dann auf dem Weg zur Kirche
Während sie Frühstückte dachte Justine über das Dienstmädchen nach. Sie als Hausherrin und Ava waren zumeist allein, doch das Mädchen war so ruhig und rücksichtsvoll, dass Justine ihre Gegenwart zumeist gar nicht bemerkte. Heute hatte sie sich wegen ihrer langsamen Reaktion entschuldigt und Ausreden gefunden, was sich für eine Angestellte nicht schickte. Wahrscheinlich entsprach jedes Wort der Wahrheit, trotzdem war es unangemessen. So wenig, wie ich mich um ihre Ausbildung kümmere ist es ein Wunder, dass die Ärmste so gut zurecht kommt. Hier ist ja niemand, der ihr etwas beibringen kann, was kann ich da von ihr erwarten? Vielleicht sollte ich Edgar schreiben, dass ich doch eine Haushälterin einstelle?
Von dem Geld, dass sie monatlich von ihrem Mann bekam würde sie vielleicht eine weitere Arbeitskraft einstellen können, doch die junge Frau sah sich nicht in der Lage eine solche Entscheidung zu treffen, oder sich auch nur aufzuraffen, die notwendigen Schritte einzuleiten und einen Aushang zu machen oder eine Erkundigung einzuziehen. Lieber würde ich einen Mann einstellen. Dann wäre jemand im Haus, der sich um die anfallenden Arbeiten kümmert und Besorgungen macht.
In ihre rationalen Überlegungen mischte sich ein Anflug körperlichen Begehrens, der einen Hauch von Farbe auf die sonst so bleichen Wangen zauberte. Die junge Frau hatte nie eine Affaire gehabt und außer den wenigen Erfahrungen im Ehebett waren es vielmehr die blumigen Umschreibungen in der Literatur, welche ihr Bild von Leidenschaft und Lust geprägt hatten. Einen Mann einzustellen, um sich mit ihm zu amüsieren war zugleich so abwegig und unanständig, dass die kurze Vorstellung genügte, um ihren Kreislauf anzuregen.
Wie nicht anders zu erwarten gewesen war fügte sich Ava und Justine deutete das Schweigen des Dienstmädchens als Bestätigung. Die Handgriffe der gesund und rosig wirkenden Ava waren routiniert und die Hausherrin empfand einen leisen Stich, denn wie so oft schien es ihr, als sei sie neben dieser erblühenden Schönheit nichts als eine verzerrte Parodie. Unfähig zu leben oder auch zu sterben. In sich gekehrt und zerstreut wie sie war achtete Justine nicht auf das Aussehen und die Kleidung ihrer Angestellten. Hätte Ava ihr nicht beim Ankleiden geholfen läge sie ja vermutlich selbst noch im Nachthemd im Bett. Es war ihr ein Rätsel, wie es anderen gelang, sich nicht nur um sich selbst, sondern auch noch um Andere, Finanzen, den Alltag, den Haushalt gesellschaftliche Verpflichtungen oder die Arbeit zu kümmern. Beinahe Schlafwandlerisch durchschritt sie die Türen, die Ava für sie öffnete und ließ sich von ihrer Angestellten hinaus lotsen. Erst die stechende Kälte erreichte Justine und fröstelnd zog diese ihren Fellbesetzten Umgang enger um den schmächtigen Körper. Der Wind war so kalt, dass sie es kaum wagte zu atmen. Unsicher, ob es glatt war und um sich ein wenig sicherer auf den Beinen zu fühlen fasste sie Ava vorsichtig am Arm und blickte die Jüngere hilfesuchend an. „Rasch, in der Kirche ist es gewiss wärmer als hier draußen. Die Glocken haben ohnehin längst geläutet, also gehen wir.“ Erwartungsvoll sah sie das Dienstmädchen an, als sei sie selbst nicht in der Lage die wenigen Meter bis zur Kirche selbst zurück zu legen.
Ava und Lady Craven; kurz vorm Aufbruch zur Kirche
Der abwesende Gesichtsausdruck von Mrs. Justine war Ava undeutbar. Was mochte im Kopf dieses kränklichen, beinahe schlafwandlerischen Geschöpfes vorgehen? Woran dachte sie? Was bewegte sie? Für die junge Dienstmagd war ihre Herrin unergründlich. Sie mochte ihre Arbeitgeberin dennoch. Lady Craven behandelte sie gut; besser als es jemals zuvor jemand getan hatte. Ava hatte also keinerlei Grund zu klagen! Während die Dame des Hauses die Schlafzimmertür durchschritt und die junge Frau sie so ansah fiel ihr ein ums andere Mal auf wie hübsch die Mrs. war. Würde das Kränkliche, Geisterhafte von ihr abfallen wäre Lady Justine eine bildhübsche, elfengleiche Erscheinung. Sich selbst empfand sie eher als hässliches Entlein. Auch ihr Vater hatte immer wieder betont, dass sie nicht gerade mit einem liebreizenden Antlitz bedacht worden war und dass sie von der männlichen Spezies sicherlich nur wenig Blicke auf sich zöge - wenn überhaupt. Hätte sie geahnt wie die Lady über ihr Aussehen dachte, sie hätte es nicht für möglich gehalten. Ava kam der Gedanke, was ihren Zustand der Schwäche verursachen mochte. So recht konnte sie sich keinen Reim daraus machen. Nun ja, aber es ging sie ja auch eigentlich nichts an. Nur einer Sache war das Dienstmädchen sich gewiss: solange sie bei Mrs. Craven arbeitete würde Ava sich nach besten Kräften bemühen alles ihr mögliche für die Herrin zu tun, ihr eine Stütze zu sein und ihr ihre Güte und Freundlichkeit und die Tatsache, dass sie sie überhaupt anstellte und bezahlte, mit harter Arbeit und Fleiß vergelten.
In sicherer Nähe und dennoch mit gebührendem Abstand folgte Ava ihrer Dienstherrin die Treppe zum unteren Stockwerk hinunter. Sollte Mrs. Craven einen ihrer schwachen Momente haben war es gut, wenn jemand bei ihr stand um sie zu stützen. Im Erdgeschoss angelangt half die junge Magd der Mrs. in ihren Fellumhang. Wenn sie nicht so bleich gewesen wäre, sähe sie geradezu prächtig darin aus. Ava hoffte inständig, dass der Überwurf die schmale Gestalt warm halten würde. Zum Glück waren es ja nur wenige Schritte bis zur Kirche! Da Lady Justine keinen Einspruch gegen ihre Aufmachung im Zusammenhang mit dem Kirchgang erhob, fiel ein Teil der diesbezüglichen Anspannung von Ava ab. Dennoch empfand sie es als angemessen sowohl ihre Schürze, als auch die Haube abzulegen. Geduldig wartete die Hausherrin, bis Ava diese zusammengelegt hatte. Flink klopfte sie sich ihren Rock und ihr Hemd noch ein wenig aus, bevor auch sie sich ihren wollenen Überwurf vom Haken nahm und um die Schultern legte. Bei dieser Kälte reichte er beinahe nicht aus, aber Ava käme niemals auf den Gedanken sich zu beklagen und außerdem war die Kirche ja wirklich praktisch um die Ecke.
Das Dienstmädchen öffnete der Lady die Haustüre und gleich schlug ihnen die eisige Luft entgegen. Vorsichtig, ja beinahe zaghaft fasste Mrs. Justine Ava schließlich am Arm und blickte sie ein wenig verloren und unsicher an. Dann gemahnte sie zur Eile, da die Kirchenglocken bereits geläutet hatten und da es dort sicherlich wieder warm wäre. Lady Craven warf ihrer Angestellten einen hilfesuchenden Blick zu und Ava verstand. Sie würde der jungen Dame nicht von der Seite weichen, bis sie sich auf der Kirchenbank niederließen. Die junge Dienstmagd ertappte sich bei dem Gedanken, dass es sich gut anfühlte die körperliche Wärme und Nähe eines anderen Menschen - in diesem Falle ihrer Herrin - zu spüren. Von diesem wohltuenden Gefühl beseelt umfasste sie sachte aber beherzt den Arm ihrer Arbeitgeberin und antwortete: "Ja Ma'am, Sie haben Recht. Lassen Sie uns aufbrechen. Es ist ja nicht weit." Ava nickte und lächelte Mrs. Justine zu als ein Zeichen dafür, dass sie sie begleiten und stützen würde. Nachdem sie hinaus getreten waren und Ava die Haustür verschlossen hatte, schritten die beiden Frauen gemeinsam die Stufen zur Veranda hinunter und begaben sich gemäßigten Tempos aber zielstrebig in Richtung des Kirchplatzes. Für einen Augenblick vergaß Ava ihren Aufzug und war gespannt was sie dort erwarten würde. Ihr wurde ein bisschen nervös und mulmig zumute all den Bürgern aus Camden Village gegenüber zu treten. Wie würde man ihr begegnen? Würde sie überhaupt jemand beachten? Würden Leute Anstoß daran nehmen, dass die Lady eine Person so geringen Standes mit in die Kirche brachte? Nur wenige Minuten trennten die junge Frau und ihre Dienstherrin von der Antwort...
Wie genau sie es, ihre Dienstherrin beinahe tragend, hierher in Lady Cravens Zimmer im Obergeschoss geschafft hatten, vermochte Ava beinahe schon nicht mehr genau zu sagen. Die Hauptsache war jedoch, dass sie hier waren! Vor lauter Erschöpfung, und von der Kälte zusätzlich geschwächt, schlief Mrs. Justine bereits fast in ihren Armen. Mit den eigenen letzten Kraftreserven hievte das Dienstmädchen seine Arbeitgeberin auf deren großes Bett und begann diese allmählich Stück für Stück zu entkleiden, bis diese nur noch Unterrock und Schuhe am Leibe trug. Schließlich deckte Ava die Lady gut und fest zu und legte deren Kleidungsstücke ordentlich zusammen. Danach richtete sie noch das Zimmer für den Besuch des Doktors ein wenig her. Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass Mrs. Craven ruhig und normal atmete, und ihr noch ein Glas Milch neben dem Bett bereitgestellt hatte, verließ Ava schließlich das Zimmer, um sich um andere Dinge die im Haushalt anstanden zu kümmern.